Fotoszene Superstars oder das wirre Durcheinander menschlicher Egos

Heute wurde eines meiner großen Vorbilder „getötet“ (natürlich nur im übertragenen Sinne) und meine Haltung zur Fotografie auf den inneren Prüfstand gestellt

In dieser Diskussion im sozialen Netzwerk geht es um die Thematik der heutigen Fashion Branche und deren Ansprüche an Models. Im Laufe der Diskussion wurde der Satz geäußert (in Bezug auf den (auch Fashion) Fotografen Peter Lindbergh): „Ist er ein Vorbild? Nein. Kann er nicht (mehr) sein, wenn man erfolgreich sein möchte.“

Wow. Mit diesem einen Satz wird behauptet, dass große Künstler wie Lindbergh nicht mehr als Vorbild taugen – will man heute erfolgreich sein. Warum wirkt diese Aussage so stark für mich? Weil Lindbergh Frauen weitestgehend authentisch fotografiert (wenn das überhaupt möglich ist im Fashion Bereich). Es ist für mich ein Künstler, der mit seiner Kunst Einfluss auf einen kommerziellen Bereich ausübt. Ein Künstler, der dem roten Faden der künstlerischen Freiheit möglichst folgt.

Es ist soweit richtig, dass die Fashion Branche immer noch einen bestimmten Archetyp von Model bevorzugt. Die Autorin, welche in ihrer Kolumne titelt „Hübsche Mädchen sind lausige Modelle“ (Überschrift bei RAWexchange.de) befriedigt nur diese elende Anforderung einer Branche – obwohl mittlerweile bekannt ist, welche negativen Folgen das für die Models hat. Zudem gibt es Veränderungen. Selbst große Labels zeigen immer öfter das Produktportfolio an „normalen“ Platzhaltern. Das wird von der Autorin, sowie den Betreibern von RAWexchange nicht anerkannt – schließlich arbeitet die Branche nicht mit hübschen Mädchen, die sind lausige Modelle. Beweise die meine Aussage untermauern (Veröffentlichungen in der Presse) sind für die Autorin belanglos – Argumente werden als Laienwissen abgetan. Einem weiterem Kommentator wird sogar ein Grundlagenkurs für Fotografie von der Autorin empfohlen, damit er mitreden kann. Mir persönlich wurde gar der Status als Fotograf aberkannt.

Was befähigt diese Social Media Superstars der digitalen Fotoszene, dass sie auf diese Art mit einer Community kommunizieren dürfen? Sind nicht Künstler wie Lindbergh dafür (mit)verantwortlich, dass Veränderungen los getreten werden? Wieso darf ein solcher Mensch kein Vorbild mehr sein?

Wie man Fotoszene Superstar wird

Ganze einfache Sache: Indem man den Followern in nur drei Stunden Photoshop Profiwissen als HD Video verkauft. Indem man Artikel von anderen kopiert – sorry – natürlich im Blog veröffentlicht wie „Dodge & Burn, Hautretusche wie die Profis“. Indem ich auf völlig übertreibenden Vorträgen (Keynotes) vor den Leuten auf und ab springe und in die hysterische Menge von Kamerabesitzern ins übersteuerte Mikro gröhle „Wer arbeitet immer noch mit RAW? So ein Shit! Why verdammt noch mal? Pass mal auf, ich arbeite seit Jahren mit JPG in stärkster Komprimierung und keine Sau merkt das“. Oh ja, oder mein Lieblingsvortrag „Business Know How für Profi Fotografen“ des hollywood-based Star-Photographers, der Aufträge von Mercedes Benz ablehnt weil die nicht so wollen wie er, im Gegensatz dazu aber Vorträge in big Karlsruhe vor unglaublichen 20 Zuhörern hält. Für einen Schnäppchenpreis saß der völlig gestresste und ermüdete Star-Fotograf auf einem Stuhl und hat unterhaltsame Stories aus seiner „wilden“, aber längst verblassten Vergangenheit der begeisterten „Menge“ zum Besten gegeben. Wissen hat er an diesem Tag leider nicht geteilt, aber ich meine Kohle mit ihm 😉

Eigenmarketing ist eine wunderbare Sache oder: Es ist nur der ein Superheld, der sich selbst für super hält!

Was befähigt mich, andere zu hinterfragen

Drucker – Mediengestalter – Fotograf. Das sind Fachgebiete, mit denen ich mich schon lange auseinander setze und mich tief in die Materie eingearbeitet habe. Mein Schwerpunkt sind Fotos, das Anfertigen und das Verändern. Wieso lasse ich mich auf Diskussionen mit selbst ernannten Göttern ein und hinterfrage dabei auch noch mein eigenes Können. Nach all den Jahren und Erfahrungen die ich machen durfte, sollte ich so sicher sein, um das eben nicht zu tun.

Ich bin nahezu unbekannt, erkenne aber dass viele nicht mehr genügend Geld mit ihren Aufträgen einfahren (oder einfach einen enormen Geltungsdrang besitzen). Also nutzt man die Fotoszene um als Fotoszene Superstar bekannt zu werden, um Geld zu verdienen. Dank Web und Social Media Strategie machbar. Aber drängt einen der Erfolgszwang dann nicht in eine Ecke, in der es für die künstlerische Arbeit schwierig wird, weil man sich Diktaten von Anderen (Sponsoren wie Adobe oder Wacom beispielsweise) unterwerfen muss? Muss ich nicht polarisieren, um wahrgenommen zu werden? Wenn meine Äußerungen ca. 15000 Menschen erreichen, Post für Post, was macht das mit der eigenen Fähigkeit der Selbstreflektion? Sind Fotoszenen Superstars damit als ernsthafte Inspiration überhaupt geeignet?

Wirres Durcheinander menschlicher Egos

Manchmal fehlt mir die Schlagfertigkeit um mein Können zu verteidigen, manchmal überschätze ich mich und mache Erfahrungen (positive und negative), die allerdings wichtige Erkenntnisse liefern. Auch ich vertrete nur zu gern meine eigene Meinung – oh ja! Wissensaustausch verstehe ich allerdings als bidirektionalen Prozess. Richtig, es ist nicht immer einfach die Meinung eines anderen sachlich nüchtern zu bewerten und anzuerkennen. Meine bisherige Kommunikation mit Fotoszene Superstars wurde recht schnell zu einer unidirektionale Verbindung. Recht schnell ergibt sich das Bild, dass der/die super heavy Expert predigt und alle anderen sollten doch bitte die Rolle der huldigenden (kritiklosen) Laien einnehmen. Thank you!

Apropos Erkenntnis

Vielen Dank dass ihr bis hierher gelesen habt. Diese Gedanken mussten einfach in Pixel umgewandelt werden. Ich lerne gerne von Leuten, die wissen wie man Informationen didaktisch gut vermittelt. Nach besagter Diskussion im sozialen Netzwerk wende ich mich nun wieder Inspirationsquellen zu, deren Autoren es nicht nötig haben ihre Sichtweisen derart unkultiviert der Welt mitzuteilen. Diese wahren Experten treiben die eigene Entwicklung ernsthaft voran.

One thought on “Fotoszene Superstars oder das wirre Durcheinander menschlicher Egos

  1. Jetzt habe ich eben den Artikel ein zweites Mal gelesen. Vorgestern zum ersten Mal. Hatte also eine Weile Zeit, den ein oder anderen Gedanken sacken zu lassen.
    Vielleicht ist es einfacher, als man denkt.
    Zuerst zu dem Thema Vorbilder.
    Ja, die braucht man durchaus. Als Richtungsweiser zu der Zeit, wenn man noch einen eigenen Weg sucht. Als Ankerpunkt, wenn man mal ins Strudeln kommt. Als Wurzel für das eigene Tun und Schaffen.
    Aber, wie so alles im Leben, sollten sie immer wieder hinterfragt werden. So wie man auch die eigene Arbeit immer wieder hinterfragen und auf den Prüfstand stellen sollte. Was hat mir Lndbergh damals bedeutet, warum war er für mich wichtig, für welche Haltung steht er, die ich immer noch für relevant und wichtig finde. Auf meiner eigenen website habe ich unter dem Reiter vomwahren eine ganz eigene Ansammlung für mich wichtig gewesener oder noch seiender Vorbilder aufgelistet. Warum erwähne ich das?: Weil es mir wichtig erscheint, darauf hinzuweisen, dass meine ganz persönlichen Vorbilder jeweils für etwas ganz Bestimmtes stehen, das für mich in meiner Selbstformung eine ganz bestimmte Rolle gespielt hat.
    So sehr man aber in künstlerischen Krisenzeiten voller Selbstzweifel und anderer lustiger Dinge immer wieder zu seinen Wurzeln zurückkehren kann und darf, so sehr muss man sich auch von den Vorbildern entfernen. Kill your idols. Oder wie es die Buddhisten formulieren: Siehst du Buddha, töte Buddha!
    Lass Dir Deinen Lindbergh nicht kaputtmachen. Aber prüfe seine Ansichten an Deinen Ansichten und umgekehrt.
    Zum Thema der Szene-Superstars.
    Droff geschiss, wie der Saarländer zu sagen pflegt.
    Ich habe durch Zufall die Tage ein Flugblatt des Schrifstellers Thomas Glavinic in die Hände bekommen mit 13 Thesen zum Schreiben eines Romans. (Und natürlich gilt das nicht nur für das Schreiben eines Romans, sondern für jedwede künstlerische Tätigkeit (und vielleicht sogar für`s ganze Leben)). Hier sind sie:

    1. Dein Kopf ist eine Kirche.

    2. Ein Roman ist etwas Lebendigeres, als die meisten Menschen ahnen.

    3. Der Roman kommt zu dir, nicht umgekehrt.
    Die große Liebe kann man auch nicht suchen, sie kommt, oder sie kommt nicht. Wer sucht, verjagt.

    4. Sei ehrlich, dir und deinem Roman gegenüber.

    5. In dir ist eine Stimme, die die Wahrheit kennt, über cich und deinen Roman. Höre nicht weg. Sie hat immer recht.

    6. Wenn es mehr Stimmen werden, geh doch lieber zum Arzt.

    7. Wenn du deinen Roman ganz verstehst, ist er vermutlich nicht gut.

    8. Wenn du ein Klassiker werden willst, darfst du nicht schreiben wie die Klassiker.

    9. Du bist neu. Die Welt ist neu. Die Motive sind alt. Aus dir, der Gegenwart und den großen Motiven muss etwas entstehen,
    dass es noch nie gegeben hat.

    10. Krieche nicht, sei nicht berechnend, sei mit dir und deinen Handlungen einigermaßen im Reinen.
    Sonst kommen zu dir nur die kriecherischen Romane.

    11. Kümmere dich n icht darum, was andere über dich sagen oder denken.

    12. Schreib klar, einfach, inhaltsreich. Über Liebe, Angst, Einsamkeit, den Tod und das Leben.

    13. Schreibe nicht für dich oder für deine Leser, sondern nur für den Roman selbst.

    Vielleicht ist Punkt 5 in diesem Falle ganz interessant.
    Vertraue auf das, was Du kannst und weißt. Stelle DIr Fragen. Aber suche die Antworten nicht bei Menschen, die so tun, als ob sie alles wüssten.
    Es gab mal eine Kneipe, die hat mit dem Spruch geworben: Dort wo „lustige Kneipe“ draufsteht, ist auch lustige Kneipe drin.
    Nee, dort wo man extra „lustige Kneipe“ draufschreiben muss, ist nie lustige Kneipe drin.
    „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ und „Erkenne Dich selbst“ sind zwei Kernsätze aus der klassischen griechischen Philosophie. Und Philosophie beschreibt keine Geschäftsidee, so wie man es heute gerne gebraucht, sondern heißt übesetzt „Liebe zur Wahrheit“. Und dieser kommt man nur näher, wenn man fragt. Und im Falle der von Dir beschriebenen Szene-Stars: wenn man Fragen auch ernsthaft zulässt, die Fragenden ernst nimmt, und sich diesen Fragen stellt.
    So, ich hoffe, das von Dir gewünschte Statement meinerseits hat die richtigen Punkte gestreift. Herzliche Grüße!

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